Ein Besuch in der Seidenweberei Almgren

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[Werbung, unbeauftragt] Da ihr meinen Weben auf Mallorca-Artikel so mögt, nehme ich euch heute mit nach Stockholm. Hej och välkommen till Stockholm! Mein Besuch in der Seidenweberei Almgren ist zwar schon etwas her, August 2016, aber ich blogge ja erst seit Februar 2018 über das Weben und denke noch immer gern an meinen Besuch dort zurück.

Eine Perle mitten in Stockholm

1974 wurde die Weberei eingestellt und zum Museum umfunktioniert. Heute ist es ein wichtiger und farbenfroher Beitrag zur Industriegeschichte, der Mann und Frau gleichzeitig begeistern wird. Und das Beste ist, zu bestimmten Zeiten wird hier wirklich noch gewebt, diese Produkte werden dann anschließend im Shop verkauft (Krawatten, Taschen, Lesezeichen, Stoffe…) In den 90ern hat Almgren übrigens wieder offiziell begonnen zu arbeiten, weil Königs ihre Möbel im Schloss Drottningholm restaurieren lassen wollten und nur Firma Almgren die Muster hatte. (Ihr wisst garantiert, was jetzt mein neues Ziel ist, oder?! Weltherrschaft? Pfff. Nix da. Weben für Königs! Jasa!)

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Nach dem die 75 Kronen Eintritt bezahlt sind, bekommt man einen Hefter (in deutsch) in die Hand und kann sich das für sich Interessante heraus lesen und dabei das Gelände erkunden. Fragen werden aber jederzeit geduldig und ausführlich beantwortet. Das Personal empfängt Jeden sehr herzlich. Auf dem Außengelände sind übrigens drei Maulbeerbäume zu finden, wer schon immer mal live sehen wollte, wie das mit der Seide so funktioniert – ab nach Stockholm 🙂

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Knut Almgren wurde in Lyon zum Seidenweber ausgebildet. Als diese Ausbildung beendet war, nahm er 1820 „einfach“ einen Jaquard-Webstuhl mit nach Schweden, nichtsahnend, wie dieser Schritt sein Leben verändern sollte. 1833 gründete er die Seidenweberei, die schon 1844 königlicher Hoflieferant wurde. Durch die eigene Seidenraupenzucht und die Jaquard-Webstühle wurde Almgren schnell bekannt und im Lauf der Zeit der größte Arbeitgeber für Frauen in Skandinavien.

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Die Seidenweberei Almgren – gewebte Geschichte

Beim Bummel durch die Seidenweberei Almgren kommt man an allerlei Maschinen vorbei, die man so noch nie gesehen hat. Eine stellt die Lochkarten her, die für die Muster benötigt werden. Da gibt es eine riesige Spulmaschine, eine Haspel hinter der sich meine gern verstecken möchte, einen unglaublichen Schärbaum, der mir größten Respekt einflößte (als ich den sah, überlegte ich kurz, ob ich sofort aufhören soll zu weben!) und natürlich die vier Jacquard-Webstühle, die heute noch betrieben werden. Mangeln findet man ebenso wie Schiffchen und einfach alles rund um das Weben. Auch das Bandweben hatte seinen Platz und war quasi die Weberei für den kleinen Mann. Die Bändchen konnte sich jeder leisten, die seidigen Stoffe hingegen nicht. Jede Mitarbeiterin hatte ihre festen Aufgaben, eine spulte, eine färbte, die nächste webte und die übernächste schärte – by the way: wer gern schärt, ich nehme Bewerbungen an! 🙂

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Almgren war für seine Zeit ein fortschrittlicher Arbeitgeber, der seinen Angestellten schon damals eine Kranken-/Rentenversicherung bot. Doch trotz aller positiver Maßnahmen, die er unternahm, die Lautstärke der Weberei muss immens gewesen sein. Und ob die Lichtverhältnisse und Luft immer so gut waren, hm.

Jaquard-Webstuhl – was ist das Besondere

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Hier kommt der Punkt, der auch die technikaffinen (Männer) begeistern wird. Im Jahr 1805 erfand der Herr Jaquard einen besonderen Webstuhl. Diese Art der Weberei geschieht über Lochkarten, über diese wird das (meist komplizierte) Muster auf den Webstuhl übertragen. Man benötigt unglaublich viele dieser Karten für ein Stück Stoff, pro Schuss eine Karte. Ihr könnt es euch selbst ausrechnen…

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In der farbenprächtigen Ausstellung unter dem Dach findet man Interessantes zur Geschichte der Seidenproduktion und natürlich auch faszinierende gewebte Seidenstücke. Dort gibt es auch einen Film, ich glaub von 1943, der sämtliche Arbeitsschritte zeigt. Dieser Film ist in vielen Sprachen verfügbar, man kann die jeweilige DVD einfach einlegen und genießen. Ein faszinierender industriegeschichtlicher Beitrag. Auf Schwedisch ist der Film auch auf der Webseite verfügbar, Historischer Film. Und allein der Raum, in dem er gezeigt wird, ist ein echter Hingucker – der sogar einen Ästhetikpreis gewonnen hat. Im Ausstellungsbereich finden sich zahlreiche Musterbücher, Bilder und herrliche Stoffe sowie schwedische Trachten.

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Informationen zum Besuch in der Seidenweberei Almgren

Übrigens – der Eintritt in die Weberei ist im Stockholm-Pass enthalten, für alle anderen kostet er 75 Kronen (ca 7,20 €). Das Museum hat sonntags geschlossen. Montag bis Freitag ist geöffnet von 10-16 Uhr, samstags von 11-15 Uhr. Ihr findet die Weberei in Södermalm in der Repslagargatan 15A, nächste Haltestelle ist Slussen. Die Webseite findet ihr hier. Die Seidenweberei Almgren ist die einzige noch tätige Seidenweberei nördlich der Alpen und meine absolute Empfehlung für alle, die sich für (Industrie-)Geschichte und Garne interessieren. Im Shop findet man neben seidigen Mitbringseln auch noch einiges an Literatur rund um die (Seiden-)Weberei, Postkarten, Einkaufsbeutel und Postkarten. Auch einige Ausgaben der schwedischen Webzeitschrift Väv finden sich dort. Über die Väv werde ich in den nächsten Tagen noch bloggen.

Übrigens können auch Führungen gebucht werden, auf Schwedisch, Deutsch, Englisch, Finnisch und Französisch. Wenn ich nochmal in Stockholm bin, werde ich das auf jeden Fall nutzen.

Uns Wenzels hat der Besuch im Seidenweberei-Museum ausgesprochen gut gefallen; mir alles rund um das Weben, dem Mann die Sache mit den Lochkarten und der ausführliche Blick in die Industriegeschichte.

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Wer dann noch Lust und Zeit hat, sich historische Handarbeiten und Werkzeuge anzuschauen, ab in den Skansen. Ein unglaublich faszinierendes Freilichtmuseum auf Djurgarden mit Spinnrädern, einem Webstuhl, Spindeln und man kann dort sogar manchmal Wolle kaufen. Alle anderen bummeln einfach durch Södermalm, gern auf den Spuren von Lizbeth und Mikael. Ein hippes Stadtviertel, am besten einfach treiben lassen. Ha en trevlig dag, vi ses!

Ihr könnt grad nicht nach Stockholm, wollt aber mehr über Seidenweberei lesen? Dann klickt hier und lest meine Buchrezension zu „Die Seidenweberin von Ursula Niehaus“. Schwedisch geht es weiter in meinem Artikel über die Zeitschrift Väv. Kennt jemand von euch schwedische Handfärber? Wenn ja, bitte melden

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